Goa, meine neue Liebe! Erzählungen von 4 Wochen Goa, Indien 2010/2011

16. Januar 2011 at 13:53 (Allgemein)

20. Dezember 2010….. Montag Nachmittag bei Mama in der Küche… Abflugtag…

Es ist soweit. Alles erledigt. Eine Welle von Organisationswut überkam mich in den letzten Wochen und somit ist alles organisiert, geplant, geräumt, Listen verteilt, Bus versorgt, Postnachsendeantrag gestellt und nun DAS:

Europa erstickt im Schnee und meine Abflugszeit von genau 23:50 an diesem heutigen Abend ist in Gefahr. Auf dieses Datum fiebere ich seit Juli hin! 110 Tage Urlaub und die sollen gefälligst HEUTE Abend anfangen!

Ich fahre. Ohne Jacke, stehe ich 1 Stunde am Siegburger Bahnhof, bibbernd am Gleis 1 und der Zug kommt und kommt nicht! In Frankfurt schließlich angekommen, Checke ich ein, bekomme SOFORT meinen Sitzplatz und ich lächele zum ersten Mal an diesem Tag! Mein Urlaub kann also starten und zwar exakt um 23:50 mit der Condormaschine, direkt an meinen Zielort Goa, Südindien. Ich muss nicht in Frankfurt aufm Feldbett übernachten!

Ca 15.Stunden später, „Einreise“ nach Indien, stundenlanges Warten aufs Gepäck, und draußen sah ich sie schon… Die Inder… All die Einwohner des Landes, die mir genau vor 11 Jahren so zugesetzt hatten! Aber ich lächelte: In Goa ist alles anders! Das war auch damals auf meiner Weltreise unser Leitspruch, leider kamen wir damals hier in Goa an und ich wurde sterbenskrank und es regnete in einer Tour. Somit soll Indien, insbesondere Goa eine zweite Chance bekommen! Damals stand die ganze Reise unter einem seltsamen Stern.

„Vinc“ rief eine junge Mutter, die ihren Sohn verloren hatte. Ich entdeckte sie schon vorher, den kleinen 6-jährigen frechen blonden Lausbub Vincent und Christine, auf der Zwischenlandung in Bahrain. Vinc war also weg. Aber schließlich deutete jemand auf das Gepäckband, wo er irgendwie Karussell spielte. Also, Christine tobte vor Wut und ich versuchte Sie zu beruhigen, dass er doch jetzt wieder da sei und der Urlaub beginnen kann. Wir teilen ein Taxi nach Anjuna. Sie schob ihren riesen Trolly mit 100 Taschen und Koffern durch die Menge und wies Vinc an, bei mir zu bleiben. Er erzählte mir stolz, dass er hier geboren sei, was ich nicht sofort glaubte und er bugsierte mich schlau durch die Menge, an meiner Hand und schwups saßen wir im Taxi! Wir tauschen Adressen und sollten uns zu am 26.12 zu einem Weihnachtsbrunch wiedersehen, bei ihr im Haus mit vielen Kindern und netten Hippies! Also der erste Kontakt mit dem Land war hergestellt und ich hatte schon viel weniger Angst. Und Vinc war tatsächlich hier geboren!

Kurz in einem Übergangshotel eingecheckt MUSS ich los! Das ist immer so. Selbst wenn ich 24Stunden Reise hinter mir habe, ICH MUSS DIE LAGE CHECKEN! Und so, lass ich mich von Patrick, dem Sohn von der Guesthousefamily zum Beach bringen, rauchte noch eine mit ihm und zog dann alleine los. Anjunas Nachtleben findet genau hier an diesem Strand statt. Eine hufeisenförmige Bucht, gesäumt von kleinen und großen Bars, Restaurants und Kaffees.

Alles ausgestorben. 20:00. viel zu früh? Hey, ich bin hier an einem der angesagtesten Partybeaches von GOA in der Hauptsaison! Im Club „Lilliput“ seh ich zwei Jungs und überwinde mich sofort, dass erst gar nicht die Hemmungen zu groß werden und setze mich mit meinem Bier direkt zu ihnen und frag sie, was hier so los ist und überhaupt, „Hey, I am Lydia from Germany, and you?“ Die Jungs aus Barcelona sind nach 1 Jahr Reisen am Ende ihrer Zeit, letzte Woche Urlaub in Goa, in 3 Tagen geht’s bei den Brüdern heim! Also verbringen wir die nächsten 3 Tage miteinander, ich ziehe am nächsten Morgen ins gleiche Guesthouse wie die Jungs, ins „Sunset“ direkt am Beach in mein Turmzimmer mit riesen Dachterrasse, meine neue Unterkunft für genau die nächsten 6 Wochen!!!

Also, mein Urlaub beginnt fröhlich mit spanischem Anschluss. Wir finden noch am gleichen Abend das „Curlies“, ein Club am Ende der Bucht von Anjuna, wo ich schließlich die nächsten 10 Tage ausgiebig feiern sollte! Die Hochsaison fing genau heute an. Übermorgen ist Weihnachten und ich habs geschafft und bin angekommen! Im Sonnenparadies Goa, Indien! Und ich war von der ersten Sekunde verliebt! Alle um mich herum strahlen soviel Fröhlichkeit und Freundlichkeit aus. Dieser Ort scheint Gelassenheit auszustrahlen, die sich in den Herzen der Menschen niederlässt. Nie fühl ich mich bedrängt oder genervt und selten reagiert jemand genervt, wenn ich zum x-mal irgendwelche Extrawünsche in meinem Café „Tantra“ bestelle und formuliere. Und da häufen sich schon so einige Wünsche, wenn man 10 Stunden am Beach in einem Cafe verbringt, liegend, sonnenbadend, lesend oder sitzend PC-WiFi-skypend. Die. Musik zu laut, meist VIEL zu schlecht und überhaupt, bekomm ich noch mein Tomatensalat, please, aber ohne Zwiebeln, und der Kaffee, habt ihr jetzt noch Zucker oder nicht?, Sorry, you have an ashtry for me?

Aber meist machen die Jungs einen kleinen Scherz und halten ein Schwätzchen und lachen mit mir und so kam es, dass ich jeden Tag gegen 11uhr da aufschlug und mich dann mit meinem Kram überall ausbreitete. Mein Opa sagte immer: „Ist Lydia im Haus, breitet Chaos sich aus“. Somit ließ ich mich erst im Bambushochsitz nieder zum Frühstücken, später mit meinem PC einen weiteren Platz unten im Schatten auf den gemütlichen Kissen. Später dann auf das Sammelkissen für gestrandete Alleinreisende, die kreuz und quer auf Kissen herumlümmeln und ein Bier nach dem anderen bestellen. Hier endet dann mein „Tantra-Beach-Tag“ auch. Mit einer wundervollen Sunset-Stimmung, die immer geprägt ist, von indischen Kindern, die bis spät noch am Wasser spielen, die Barjungs, die weiter vorn ein paar Runden Cricket spielen, die Kühe, die sich genau neben dem Tantra jeden Abend sammelten, um dann wie alle Touris nach dem Sonnenuntergang heim zum Duschen gehen, umziehen und Essen und feiern gehen!

Meine Mopedtour, zu der ich mich endlich aufraffte, nach 7 Tagen faulsein, machte mich überglücklich! Mit einem riesen Lächeln im Gesicht tuckerte ich den ganzen Tag kreuz und quer durch Nord Goa. Mein Weg führt mich durch die kleinen Nachbarörtchen, die sich im Allgemeinen nicht sehr von einander unterscheiden. In den größeren etwas kommerzielleren Örtchen parke ich mein Moped und geh shoppen und Cafe trinken am Strand und bin überzeugt, dass ich mit Anjuna das Beste Örtchen ausgesucht habe für meinen Langzeiturlaub!

Es ist der 27.Dez und überglücklich fahre ich durch die sonnendurchfluteten Reisfelder und sehe in der Ferne eine wunderschön weiss getünchte Kirche und freue mich, als ich beim Näherkommen sehe, daß wohl bald eine Messe anfing. Ich parke und geh hinein. Ein paar Inder sitzen schon da und ich beschloss zunächst lächelnd, dass dies nun meine Weihnachtsmesse sei.

Ich schaffte es mich in ein Gebet zu vertiefen und sprach meine große Dankbarkeit aus, dass ich es mal wieder geschafft habe, 110 Tage am Stück dieses Glück zu erfahren. Mich allen Widrichkeiten widersetzt habe und beschlossen hab das durchzuziehen, den Mut gefunden habe und nun die Früchte dafür ernten kann. Lächelnd beendete ich mein Gebet und merkte, als ich meine Augen öffnete, dass es verdammt voll geworden war um mich und plötzlich alle verstummten. Der Pfarrer kam von hinten reinmarschiert, mit mächtig viel Weihrauch und so und dann kamen die Sargträger, direkt an meinem Gangplatz mit dem geöffnetem Sarg vorbei und ich schaute gebannt auf den Toten, der unmittelbar an mir vorbeigetragen wurde.

Man man man, ich war mitten in einer Beerdigung gelandet und ich wollte nur noch weg!!!

Ich drehe mich um, 2 Nonnen sahen, dass ich jetzt das alles hier begriff und sagten ganz lieb zu mir, dass alles ok sei und ich doch einfach mitbeten könnte. Ich würde nicht stören! Ich lächelte über diese Wärme, die sie ausstrahlte und stehe dann aber doch auf und schleiche mich raus. Draussen aufm Moped im Schatten rauch ich erstmal eine und heule ne Runde! Aber ich bin nicht traurig, ich fange an zu lachen über mich selbst und beschließe erneut, dass dies NICHT meine Weihnachtsmesse war und doch ein schöner Moment, den ich vorher im Gebet gefunden habe.

Ich schmeisse meine Karre an und lasse die Kirche hinter mir. Am frühen Abend, als die späte Sonne, das ganze Land gold färbt, lache ich richtig, denn ich fühle mich so gut und sau wohl und sage mir: Man man man, Was bistn du für ne Coole Braut! :-)

Die Tage vergehen im Fluge und ähneln sich doch sehr in der Grundstruktur. Vor ein paar Tagen ertappte ich mich, wie ich völlig ernsthaft, einem von den Jungs ausm Tantra erklärte, warum ich heut erst um halb 1 komme, nachdem er mir scherzhaft auf die Schulter klopfte und mich fragte: „Hey, Miss, today you come so late“. Ja, musste heut noch Wäsche machen und mal mein Zimmer aufräumen und so…

Ich lachte über mich, und dachte an eine meiner Lieblingsszenen von Tommy Jauds Millionär, wo der arbeitslose Simon Peters in seinen Stamm-internetladen kommt und sich jeden Morgen rechtfertigte, warum er nun wieder spät dran sei… Ungefragt und wiederum unkommentiert von Shahin seinem Kumpel, sozusagen der Vermieter, des Internetplatzes.

Nach dem 3. Mittwochsmarkt in Anjuna, verabschiedete ich mich von allen, die ich so kenne und packe 2 kleine Taschen für eine Woche, zahle für eine Woche im Voraus mein Turm-Zimmer und fahre mit dem Motorbike-Taxi zum Busstand und warte auf den Bus. Den ersten der 4 Busse, die mich in 4 Stunden nach Pallolem bringen sollen. Ein kleines Örtchen im Süden von Goa. Ich bekomme eine Hütte, die einem Kartenhäusschen gleicht, aber in erster Reihe am Beach und richte mich ein, mit meinem wenigen Hab und Gut, was ich dabei hab und checke die Lage. Es gefällt mir hier. Es scheint noch gemütlicher als Anjuna zu sein. In meinem Guersthouse SanFrancisco ist direkt eine Bar, vor meiner Veranda sozusagen und ich genieße pünktlich angekommen, nach nun doch einer 5 stündigen Reise, den Sonnenuntergang mit netter Unterhaltung an der Bar, mit Alexi, dem jungen halb Amerikaner halb Griechen. Er hat heute Abschluss vom Familyurlaub. Die Familie, die überall verstreut in der Welt lebt, trifft sich einmal im Jahr irgendwo, an einem wunderbaren Strand um Urlaub zu machen. Und der Papa ist Grieche durch und durch. Ein herzliches Kerlchen, der mir zuzwinkert, ich könne gern mal mit Alexi auf den Kykladen in seinem Strandhäusschen Urlaub machen… J Ja ja ja, ich will! J

Die Familie läd mich zum Abschiedsessen ein. Morgen früh um 5 muss alles bereit sein, dann kommt das Taxi zum Flughafen. Also haben wir 10 Stunden! Wir essen und lachen in fröhlicher Runde, anschließend kaufen Alexi und ich noch Souvenirs ein und kleine Geschenke für seine Freunde und dann gehen wir feiern! Ein toller Willkommensabend für mich in Palolem!

Ich verschlafe fast den halben nächsten Tag und bin froh, dass ich mich jetzt nicht, wie Alexi, gerade auf dem Zwischenstopp in Mumbai befinde auf dem Weg zurück nach San Diego zur Uni!

Ich verfrachte mich von meinem Häusschen, 15 Meter weiter auf die Strandliege und bin gespannt was Palolem noch so zu bieten hat.

Wie sich herausstellt sind all die Bewohner meines Kartenhausresorts „SanFrancisco“ „Freunde“ geworden und sitzen all abendlich ums Feuer direkt bei uns am Beach. Ich setzte mich abends dazu und merkte, dass es eine buntgemischte Gruppe war, die schön länger zusammen abhingen. Aber es mache unglaublich Spaß besonders den beiden Jungs Pablo und Paris zuzuhören, wie sie sich im beitesten englischen Slang, Schlagabtäusche gaben und sich scherzhaft dauernd zu beleidigen schienen. Aber durch ihre lange Freundschaft hatte all dieser Quatsch zwischen ihnen hohen Unterhaltungswert, denn die Beiden schienen geübt zu sein und liebten es, sich immer wieder zu ärgern, besonders mit Puplikum! Und das war ich: Ihr Publikum! Großartig! Ein ganz großer Fan und so ließ ich mich breitschlagen, am nächsten Tag zum Butterflybeach zu fahren. Wir sollten einkaufen, jeder nehme 1-2 Sachen mit und wir wollten dort auf der Miniinsel übernachten. Mein aller erster Impuls: Hey, das mach ich niemals, da frier ich mich kaputt!

Im Endeffekt waren die kommenden 15 Stunden, eine ganz große Sache! Ja, wir haben uns den Arsch abgefroren! Aber ey, ich sachs Euch, ICH hatte ja, im Gegensatz zu den Anderen doch die Mega Ausrüstung… 3 Decken, mein Minikissen, steht’s am Mann, meine Lautsprecher ( ich hatte zwischendrin die verantwortungsvolle aufgabe, des DJs… Ich scrollte mich hektisch durch meinen Ipod, auf der Suche nach… naja, halt was Passendem. Ihr wisst ja, Lydi der Musik-Monk.  Nach 45min stress geb ich die Aufgabe ab, aber es hat spass gemacht! J ) dann noch 2 Jacken und meinen überallesgeliebten megadickenwolligflauschigen Schal! Und am Ende hatte ich mir den kopfgroßen Stein, der stundenlang am Feuer lag, unter ächzen heimlich unter meine Decke gekugelt und hatte eine Wärmflasche und fror trotzdem noch an allen stellen des Körpers, die keinen Kontakt zu meinem „Hot-Stone“ hatten! J Aber schlafen konnte ich nicht. Ich war wieder völlig nüchtern und mir war leicht schlecht.

Um 2uhr morgens hatten alle ihren ersten Rausch ausgeschlafen oder eher der Alkohol ließ nach. Sie fingen alle an zu bibbern und besonders einer der anderen Engländer, der nur im Trägershirt kam! Äh… hallo…. Also… Der Typ flucht die ganze Nacht wie ein Rohrspatz vor sich hin und Pablo und Paris geben unter ihren Decken immer Gegenschüsse und unter irgendeinem Tuch, fing immer wieder einer an zu lachen! Wir entfachen ein weiteres Feuer, dabei wurde immer wieder, ziemlich betrunken auf so mach schlafende Körper getrampelt und Holzsammler stolperten über Ihre um sich geschlungenen Tücher und böse Worte kamen unter so machen Decken hervor! Nun sind wir sparsamer mit dem Holz. Wir haben noch 7 Stunden bis zur Abholung.

Wir brachten am Nachmittag 13 Flaschen Rum, Vodka und Gin und dazu halb gefrorene Coke, Sprite und son Mischkram und alle fingen im dunkeln nach den verbliebenen Flaschen zu suchen und Chips wurde verteilt und wir Wachen rutschen näher ans Feuer.

Die Dialoge und Schlagabtäusche sind nach wie vor Hauptbestandteil und ich bin nach wie vor, ein riesen Fan und lache mich in einem fort irre kaputt über diese verrückte englische Flucherei in dem KEIN Satz ohne, Fuck you man, It’s fucking-Freezing Cold here at fucking Butterfly-Beach…

2 Stunden und 3 weiteren leeren Rumflaschen, mittlerweile ohne Mixcola oder son Firlefanz, fangen eben diese verrückten Engländer so krass zu Rappen an. Sie dichteten und reimen einen Text über diesen Abend, über diesen Beach, wie fucking freezing cold es ist , aber das wir das überstehen und das Feuer und überhaupt… Die Jungs reimten und machten einen Rapp-Kontest und ich war völlig fasziniert, von ihren Texten und ihrer Stimme jeweils. Es machte riesig Spass! Alle klatschen wie verrückt.

Weitere Stunden später waren einige wieder eingeschlafen und da entdecke Pablo meinen Hot-Stone-Austausch. Ich kugelte gerade einen ausgekühlten Stein zurück ins Feuer und holte mir einen anderen heißen zurück und Pablo schrie auf und konnte es nicht glauben und ich lachte und hielt meinen Stein fest, als er ihr mir klauen will.

Und dann endlich. Die Sonne kam in unsere Bucht, ganz langsam angekrochen und wir lechzten nach Wärme. Im Tagesslicht, morgens um 6uhr konnten wir nun das ganze Ausmaß ansehen. Wir hatten unseren Bereich in eine riesige Müllhalde verwandelt.( wir räumten natürlich alles auf!Ehrensache!) 30 Leere 1, 5 Flaschen an Softdrinks… man man man. Mittlerweile hatten jeder von den Jungs eine fast leere Flasche Rum am Start und wir kletterten die Felsen hoch um der Sonne entgegen zu kommen und um endlich Sonne zu spüren und wir entspannten uns und ließen uns aufwärmen und sogar Pablo und Paris waren mal still!

Die Tage danach in Palolem waren sehr sehr faul und ich machte quasi nicht viel mehr als am Strand oder auf meiner Veranda zu lesen und zu essen. Und mich von der Butterfly-nacht zu erholen. Auf dem Rückweg, übrigens, als endlich um 11uhr das Boot kam, sahen wir tatsächlich noch Delfine und fast alle waren mit der Kälte der Nacht wieder ausgesöhnt und grölten den Song, der nachts entstanden ist, über die Butterfly-CREW, die wir sind und nun auch noch die Delfine!

Nach 7 Übernachtungen in diesem schwer schäbigen Kartenhauszimmer war ich dann gestern froh, als ich wieder in Anjuna in meinem wunderschönen Turmzimmer mit all meinen Klamotten zurückkam.

In 3 Tagen kommt meine liebe Freundin Sandra und anschließend MUSS ich hier in Anjuna meine Zelte abbrechen, denn ich hab ja hier noch einige Aufträge. :-)

Aber bis dahin ist noch viel Zeit. Und wenn es am 1. Feb. weiter geht, liegen immer noch volle 2 Monate vor mir! Über 8 Wochen, wo ich meine Missionen erfüllen kann!

Ich danke Euch fürs Zeitnehmen, zu lesen, was die Lydi da so in der Welt treibt.

Ich war auch so begeistert von unseren Telefonaten und Skype-Videosessions! Wenn ich dann im Feb in dieses Ashram gehe, gibt strenge Regeln: Keine Elekronik, also kein Handy, kein PC, kein Internet, keine Bücher, keine Kippen (was noch nicht ganz sicher ist!), kein Alkohl (was GANZ SICHER ist!)  5 h aufstehen, was auch sicher ist!  ja… und dann muss ich einfach mal gucken, was dieses Ashram-Dings da für mich hat. Aber einige Zeit werde ich dort verbringen, ob ichs toll find oder nicht! Das war die Bedingung für mich selbst, hier diesen Unbezahlten Urlaub zu machen!

Also, Jungs und Mädels, Freunde und Kollegen und natürlich die Familie, kommt gut durch den Winter, schützt Euch vorm Hochwasser, vergesst mich nicht und seid alle ganz liebe gegrüßt von mir,

Lydia , nach knapp 4 Wochen Goa.

PS: Als ich neulich nachts über 3 Stunden ein Armeisenbaby im Ohr hatte, hatte ich n bisschen Heimweh!

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Kreuz und Quer durch die Philippinen

19. Mai 2009 at 18:44 (1)

Nach einem unerträglich langen Winter, ausgezehrt nach Wärme und Sonnenschein, mache ich mich Anfang April zum angegebenen Treffpunkt auf. Ein Parkplatz an der Autobahnausfahrt. Lothar, meine Mitfahrgelegenheit lässt auf sich warten und mit mir gehen die Nerven durch. Ich werde verrückt, wenn ich jetzt wieder einmal versetzt werde!

Total verspätet komme ich schließlich doch noch am Frankfurter Flughafen an und 1 Std später sitze ich im Flieger, der mich ein Stück näher an mein Reiseziel bringt. Überschaubarer kurzer Aufenthalt in Hongkong. Weiterflug nach Manila, Philippinen.  Blitzgedanken an die Beiden Kölner Tatortkommissare, auf der Suche nach Kinderschändern. Die einzigen Bilder, die ich je von dieser Stadt gesehen hab. Und wenige Stunden später, ich mitten drin, in einem Taxi. Ich will nur zur meiner Unterkunft und endlich Schuhe aus und unbedingt duschen. Die Hitze und vor allen Dingen, die Luftfeuchtigkeit hier, ist wie immer in dieser Jahreszeit und Region, unvorstellbar. Der Taxifahrer versucht mich in ein Gespräch zu verwickeln. Er spricht sehr gutes Englisch. Immer wieder fragt er mich, warum ich allein gekommen bin. Mein imaginärer „Husband“ muss mal wieder herhalten. Er ist regelrecht entsetzt von meinem Alleingang und fragt sich laut, warum das bloß mein Mann erlaubt hätte. Wir unterhalten uns so über dies und das und plötzlich verlässt er die Stadtautobahn, mit der Begründung, hier dauert’s ihm zu lange, er kennt eine Abkürzung. Man man man… Gleich zu Anfang mal wieder in dieser Situation zu sein, einem Fahrer völlig ausgeliefert zu sein, versetzt mich total unter Anspannung. Ich fange an zu phantasieren, dass mein Mann auf unsere zwei Kinder aufpasst und in einer Woche nachkommt, um mit mir hier das schöne Land zu bereisen. Ich versuche eine Vertrauensbasis zu meinem Entführer in Spee aufzubauen. Völlig gestört.

Nach knapp 1 ½ Stunden Fahrt setzt er mich vorm Hotel ab, zwinkert mir zu, gibt mir seine Visitenkarte. Ich solle ihn wieder anrufen, wenn ich gefahren werde wollte.

Der Morgen, nach einer sehr anstrengenden Nacht in einem unklimatisierten Hotelzimmer, sitze ich schon wieder in einem Taxi, diesmal “nur“ 45min. Ich möchte zu einem der zahlreichen Busbahnhöfe der Stadt, von wo stündlich Busse in den Norden aufbrechen. Der Busplatz ist so schäbig und die Busse ebenfalls. Ich stutze. Irgendwas fehlt hier… Ach… ich bin die Einzige Ausländerin. Und das Geglotzte ist ziemlich groß. Wo sind denn die anderen Backpacker? Hm… Sehr seltsam. Ich verbünde mich mit der Colaverkäuferin, biete ihr eine Zigarette an und nachdem ich das Ticket habe, unterhalten wir uns noch mühsam. Aber ich mag nicht alleine warten, wenn so viele Augen auf mich gerichtet sind. Im Bus schließlich sitze ganz vorne, alleine. Noch, wie sich herausstellte. Denn dieser Platz wies eine hohe Fluktuation auf. Alle aussteigenden Insassen, nutzen die Gelegenheit um sich noch ein Viertelstündchen mit mir zu unterhalten. Woher ich komme, ob das erste Mal auf den Philippinen und so alleine? Ob ich einen „Boyfriend“  oder „Husband“ habe, was ich beruflich mache und so weiter.

Man man man, nach 4 Stunden bin ich völlig platt. Eine Art Speeddating-Marathon, was ich hier liefern muss. Unglaublich. Nachdem bestimmt zwölften Kandidat stecke ich mir ganz unkommunikativ meine Kopfhörer in die Ohren und will nicht mehr. Aus Basta.

Spät am Abend komme ich in einem Dörfchen an und will nur schlafen. Im nächst besten Hotel. Ich muss mir einfach mehr Mühe geben, bei der Wahl meiner Schlafstätten. Wieder lande ich in einer Bruchbude. Schnell Augen zu. Morgen hab ich endlich mein erstes Etappenziel erreicht. Sagada.

Ich bin schon früh wieder am Busbahnhof. Hier ist es noch schäbiger als Gestern. Es herrscht geschäftiges Treiben, aber das Tickethäuschen ist zu. Als anständige Deutsche bleibe ich vor dem Häuschen stehen und bin die ERSTE! Mein „Angestelle“ hat wohl die Leute verunsichert und einer nach dem anderen stellt sich hinter mir an. Wieder bin ich die einzige „Langnase“. Als ich schon im Bus sitze, ziemlich eingepfercht, zwischen ganzen Hausständen, wie es schein, kommt endlich ein Typ mit einem großen Rucksack in den Bus, Glück gehabt. Und ich auch. Endlich nicht mehr alleine in der Fremde. In der ersten Pause lernen Phillip aus Frankreich und ich uns kennen, haben das gleiche Ziel und freuen uns, einander gefunden zu haben.

Nach 6 Stunden Fahrt endlich: „Sagada“, ein beschauliches Bergdorf, auf 1800m gelegen, hauptsächlich bekannt durch seine Höhlen und die so genannten „Hängenden Särge“.

Phillip und ich finden ein nettes kleines Hotel, checken ein und bestellen uns jeweils einen Eimer mit heißem Wasser zum Duschen, denn hier auf dem Berg,  ist’s doch mächtig frisch am Abend.

In einem gemütlichen Restaurant wälzen wir die Reiseführer und schmieden neue Pläne für die kommenden Tage und für weitere Abenteuer…

Bis bald, Lydida

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Teil 2: Amit, Ginger, Cheff und ich … (Achtung erst Teil 1 lesen!)

10. April 2009 at 11:16 (1)

Die Hündin wacht auf , entdeckt ihr Herrchen. Von der peinlichen Situation, in der ich gerade stecke, merkt sie nichts. Aber irgendwie rettet sie mich trotzdem.  Sie fängt an zu bellen und will raus. Ich versuche die dicke Ginger unbeschadet auf die Strasse zu stellen, aber da sie so zappelt, gelingt es mir nicht. Sie rutscht mir aus den Händen und landet unsanft vor den Füssen von Cheff.

Ich bin auch eingekeilt, zwischen Müll, meinem riesen Rucksack und dem Rücksitz, will raus, um mich artig vorzustellen.

Ich, halb aus dem Auto hängend: “ Äh, entschuldigen Sie, ich bin Lydia, meine Mitfahrgelegenheit hat mich versetzt, ich muss die A3 hoch, ins Siebengebierge und wollte Sie bitten mich ein Stück mitzunehmen.“

Von meiner höflichen und extrem aufgesetzten charmanten Art, mit leichtem Hang zur „klein-Mädchen-Stimme“ läßt er sich gar nicht beeindrucken. Er beachtet gar nicht, was ich sage. Stattdessen läßt er sich so richtig vor meinen Augen  gehen und begrüßt Ginger.

„Ach mein Djinscher-Liebling… jaaa, Schnäutzel-Bäutzel, jooooo…“, knopft und hätschelt er das dicke Ding.

„Joar, hässe mich vermisst, jooooar, ganz ein braves Mädschen… jooooaar.

Bisse mein Mädschen? Joooar, Papa is wieder da… „

Er kniet sich auf die Strasse und säuselt zu Ginger: „Jipp Papa en Küsschen, Jooooaar, so isset jut“

Er läßt sich von Gingerbaby einmal quer durchs Gesicht lecken und geniesst die Wiedersehensfreude ausgiebig.

Langsam, ohne Hast und ohne ersichtliche Lust wendet er sich mir zu und fragt leicht gereizt: “ Und wat is jetzt mit Ihnen?“

Durch die Situation leicht verstört stammel ich irgendwas von Mitfahrgelegenheit nicht gekommen und ein Stückchen mitnehmen.

Ich fasel noch was von „Rettung in letzter Not“ und versichere ihm unterwürfig, dass es super nett wäre, wenn das klappen würde.

Er winkt ab, so von wegen:  Laber mich nich voll, Mund halten, losfahren: „Nee, is jut…“ grummelt er und schnappt sich Ginger und steigt auf den Beifahrersitz zu Amit.

Ginger ist unruhig bei ihm vorne und macht Anstalten zu mir nach hinten zu klettern. Ich versuche dem Hund telepatisch klar zu machen, dass er bloß bei Papa bleiben soll.

„Nee, wat machst du denn da?“ fragt er seinen dicken Schatzi. Er versucht sich wieder nach hinten durchzuschieben, bleibt wieder in den Gurten hängen und rutscht ab.

“ Man du blöde Töhle, bleib bloß vorne, Papa wird eifersüchtig“, denk ich nervös. Aber irgendwie schafft sie es. Papa ist entsetzt…

Er raunt mir nach Hinten zu:

„Kannst von Glück sagen, dass isch so jut jelaunt bin“ .

Zu Amit:  „Ne, Amit, auf der Hinfahrt hatte ich so schlechte Laune, ne Amit?“

Betont laut redet er mit ihm… hoert der Junge schlecht?

Cheff macht es sich gemütlich, streckt sich feist auf seinem Sitz und sagt zu uns:

„Bald bin ich fott von hier.  Drecks-Deutschland.  Die können mich mal sowas von kreuzweise hier. Der ganze Driss…! Nach Dubai… wenn alles jut jeht.“

Ich stelle wieder auf extrem gut gelaunt um, stelle höflich meine Fragen und verfalle so langsam in den Rheinischen Dialekt. Er erzählt mir von seiner Firma und dass er ein Korruptionsopfer geworden ist, alles verloren hat, seine 20 Mitarbeiter entlassen musste und er schimpft und schimpft und schimpft.

Ich sitze hinten, streichel Ginger und wünsche mir bald, das er endlich die Klappe hält.

Dann endlich Ruhe. Amit ist total verstummt, raucht Eine nach der Anderen und fährt zügig in den Abend hinein. Plötzlich die Stimme aus dem Off:

„Sie übersteigen die zulässige Höchstgeschwindigkeit“, ich bin völlig überrascht von dieser Technik in diesem zweifelhaften Umfeld. Diesen Spruch aus einem Navi kannte ich noch nicht. Nach dem dritten Einwand der Dame über das gleiche Thema, werfe ich  zaghaft von hinten in den Raum:

„Klugscheisser“

Plötzlich fängt Cheff heftig an zu lachen und prustet:

„Aber ehrlisch, die blöde Kuh soll aufhören zu nerven“.  Dann richtet er sein Wort an die imaginäre Frau aus dem Gerät:

„Sei froh, dat isch so jut jelaunt bin“.

Zu seinem Fahrer: „Ne Amit?“

Amit nickt brav.

Kurz male ich mir aus, mit Cheff im Auto zu sitzen, mit richtig mieser Laune! Diese  Vorstellung gruselt mich.

Ich beobachte die Strassenschilder, rechne aus: noch ca. 15min Fahrt… Dann schließlich kündigt sich meine Ausfahrt an. Amit fährt raus. Mein Auto, ich seh es schon. Ich biete noch höflich an, mich am Benzin zu beteiligen, aber großzügig läd Cheff mich ein. Schnell wecke ich Ginger, Hände werden geschüttelt. „Alles Gute für Dubai“, wünsche ich und vielen Dank und so.

Die Beiden  wenden, winken und sind weg!

Ich verstaue meine Sachen und lasse mich in mein Auto fallen. Drehe mir schnell eine Zigarette.  Ich mache das Radio an: “ Mir kann nichts passieren“ von 2Raumwohnung. Ein besseres Lied hätte es gerade nicht geben können!

Mein Urlaub neigt sich dem Ende zu. Durch die Nacht fahre ich nach Hause.

Ich lächele über  meine Abenteuer, über mich  und das LEBEN.

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Amit, Ginger, Cheff und ich … (Teil 1)

4. März 2009 at 22:21 (1) (, , , )

Neulich, am Frankfurter Flughafen…

Ein 11 Stunden Flug liegt hinter mir. Erfüllt von wunderbaren Erlebnissen der letzten Reise. Ich stehe am Kofferband. Lange muss ich nicht warten, da kommt er schon, der Rucksack, mein Weggefährte der letzten Wochen.

Jetzt raus hier, endlich eine Rauchen und dann den Typen anrufen, den ich per Mitfahrzentrale „gebucht“ habe. „The person you have called is not available …..“ Mist. Nach dem ich diese Stimme ca. 15 mal angerufen habe, geb ich’s auf und bin so was von Stinksauer. Wie komm ich denn jetzt zu meinem Auto, dass im Siebengebirge, 150km weiter an der A3 steht? Man man man, ich bin so was von geladen! Mit dem Zug fahr ich AUF KEINEN FALL… Nachdem ich einen Blick auf die Bahnpreise geworfen habe, fing ich nur kurz an zu rechnen: Das sind 3 Übernachtungen und ein leckeres Abendessen, in dem Land, wo ich gerade her komme. Noch eine anzünden und nachdenken. Ich habe keine Eile, der Urlaub ist ja erst wirklich zu Ende, wenn ich in meiner Wohnung bin.

Ich muss auf diese verdammte Autobahn. Kurzer Hand fange ich an, die Nummernschilder der wartenden Autos zu checken: FB, WI, S, F noch einer mit F , F… M und da… AC… Also, wenn der nach Aachen fährt, dann muss der bei mir vorbei. Ganz ganz bestimmt. Mein Herz klopft einwenig, ich denkenicht lange nach und klopfe an die Scheibe. Ein Hund fängt an zu bellen, der Fahrer kurbelt  unsicher das Fenster etwas runter.

„Äh Hallo, fahren Sie nach Aachen“, fragte ich leicht unsicher.

„Äh, ja“, sagte der Fahrer skeptisch.

„Äh, wäre es vielleicht möglich, dass Sie mich mitnehmen?“, fragte ich mutig.

Seine Verwirrung ist perfekt.

„Äh, ich warte auf Chef, schon seit Stunden zu spät und Auto ist auch von Chef und Hund auch… Ich weiss nicht… Aber setz Dich mal rein…“, stammelte der Fahrer.

Huii, was mache ich hier. Jetzt bemerke ich erst, das „Cheffauto“  ist ein oller Toyota und innen total vollgerümpelt und vollgemüllt. Ich schiebe mich hinten rein, mit meinem riesen Rucksack. Etwas unbeholfen befreit der Fahrer  meine Rückbank von Müll in Form von leeren Kaffeebechern, Kippenpackungen und Mc Donalds Tüten und stellt sich vor:

„Hallo, Amit, aus Iran“, sagte er nun zu mir.

„Lydia, äh, Hallo noch mal“, antwortete ich ihm.

Wir schütteln etwas ungelenkt zwischen den Sitzen die Hände. Kurzes Schweigen. Nach der Anfangseuphorie, meinem Ziel näher gekommen zu sein, blicke ich mich um und ich frage mich: “Sach mal, Lydia, was machst du hier um Himmels Willen? Mit Amit in dieser fahrenden Müllhalde. Wie in aller Welt bin ich denn nun da wieder reingeraten…warum kannst du nicht, wie jeder normale Mensch mit dem Zug fahren?“ Aus meinen innerlichen Kopfschütteln und großen Zweifeln an meiner Vorgehensweise, werde ich nun von einer Hundeschnauze aus meinen Gedanken gerissen. Ach stimmt ja, da war ja noch wer. Der Hund, ein beiger mopsartiger Bullterrier versucht mit seinen kleinen Beinchen zwischen den Vordersitzen zu mir nach Hinten zu klettern. Eine Art „breites Grinsen“ seh ich in seiner Schnauze und er schafft es fast, sich durchzuquetschen. Den Rest zieh ich ihn, damit er nicht stecken bleibt. Ganz ausgehungert nach Wärme und Zuneigung und leicht zitternd versucht er zu meinem Gesicht zu klettern und mich zu küssen. Schwups, mein Hundeherz ist erobert. Das kleine drollige, dicke Hundemädchen rollt sich auf meinem Schoss ein und ich kraule ihn. Derweil entschuldigt sich Amit unentwegt bei mir für den Hund und fängt an aus seinem Leben zu erzählen. Sein deutsch ist recht gut und ich höre ihm zu und stelle artig weitere Fragen. „Ginger“, wie ich dann erfuhr, mein Moppelfreund kriecht quasi in mich rein und sein Köpfchen drängt er unter meinen Arm. Er wird wie wild gekrault und ich versuche seine wohl sehr langweiligen Stunden in diesem „Auto“ wieder gut zu machen. Amit erzählt mir von seiner Zeit in Marocco, Kanada und wie er schließlich in Aachen gelandet ist. Über seine mehrfachen Zusammenstöße mit der Polizei, als er mal wieder ohne Führerschein für ein Logistikunternehmen LKW-Fahrer war. Aachen- Stockholm, 2x die Woche…Zwei Jahre lang! Kurz schlich sich bei mir die Frage ein, ob er wohl derzeit im Besitz einer Fahrerlaubnis ist… Und im Übrigen: Wo bleibt denn nun CHEFF? Ginger schläft und fängt an zu schnarchen und wimmert im Traum. Nur noch Hundegeräusche erfüllen den Raum. Ich versuche umständlich meinen Tabak, nebst Feuerzeug aus meiner Jacke zu kramen, will Ginger nicht aufwecken und hab Angst, dass sie in den Fußraum rollen könnte. Geschafft. Auf dem Hunderücken drehe ich mir eine Zigarette. Tabak fällt auf ihren Rücken, die Zigarette will einfach nicht rund werden… Ich lecke, fast geschafft, SCHOCK…

Jemand klopft hinten an mein Fenster. Diese Situation ist völlig grotesk. Cheff steht mit einem entsetzen Gesicht da und schaut mich an. Da sitzt eine fremde Frau mit seinem Hund auf dem Schoss, in seinem Auto und dreht sich gerade auf dem Hund ne Kippe…

Die fast fertige Kippe stopfe ich schnell zurück in den Beutel und öffne ungeschickt die Türe, sodass Ginger dabei fast rausfällt.

Cheff schnaubt im fiesesten Aachener Platt::

„Isch glaub mein Schwein pfeift. Wat is hier denn los. Amit, wer is dat??“

(Teil 2 folgt!)

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Singlebörse, das Liebeskaufhaus…

12. Januar 2009 at 23:00 (1) (, , , , , )

Frau Rossi sucht ihr (Un)glück…

Wieder Sonntag, der Tag der Familien und Pärchen. Ich wache auf und ein langer Tag liegt vor mir. Das Wetter ist trüb, ebenso meine Stimmung.

Aber da ist ja noch das gute alte Internet. Während ich ohne Eile ins Bad schlurfe und mir die Zähne putze, fährt mein PC hoch. Er soll mich vorm „Alleinsein“ bewahren. Denn, so heißt es in einer einschlägigen Werbung: “ Du musst nicht länger alleine sein…“

Mein Teewasser brodelt und mein PC ist „angekommen“ in der großen weiten Welt.

Ok, ONLINE. Ab auf die Seite der einsamen Herzen. Ich klicke mich durch, alles läuft automatisiert. Wer war auf meiner Seite und hat mich angeglotzt und meine „ach so lustigen“ Antworten auf die 25 universellen Fragen gelesen? Wer hat mir geschrieben? Ein eventueller Interessent in diesem Warenhauswahnsinn. Ein kurzer Blick aufs Bildchen des Romeos, dann lese ich die Mail von Zitronenfalter, Schmusebärchen oder Herr-Rossi-sucht-sein-Glück…und lese dann meist halbherzig, genervt und gelangweilt seine Mail und klicke einfach weg. Übersehen, überfahren, Hoffnung zerstört, Träume zerplatzen, Paff, Ohrfeige verpasst. Und Tschüss!!!

Ich suche einen Mann? Dann ab ins KAUFHAUS, das andere Geschlecht beglotzen. Meine Suche wird eingegrenzt, Alter, das PLZ-Gebiet, dann gibt’s noch die Feinsuche, in der man nicht ganz unerhebliche Fakten eingeben kann, wie Kinderwunsch oder Nichtraucher, unbedingt ganz schlank und durchtrainiert und Hobbies.

Klick: Die Schnittmenge, die diese Kriterien erfüllen erscheinen und los geht’s. 20 Minibildchen pro Seite. Schwups wieder 20 durchgesehen und schwups die nächste Rutsche Männer.

Den Menschen, der hinter dem jeweilige Bildchen steckt, den hab ich aus dem Auge verloren… Was ist all diesen Männern und Frauen passiert, die sich hier anmelden, Photos von sich einstellen und 25 wahnsinnig geistreiche Fragen beantworten. Für diesen Schritt bedarf es für manch einen sicher viel Mut, Ängste zu überwinden, Schamgefühle zu begraben, sich einzugestehen: „Hey, da draußen in der freien Markwirtschaft, das funktioniert gerade nicht so wirklich, vielleicht klappt es ja hier!!!“

Hach, endlich schmeißt meine Such-Filter Maschine mal wieder einen Netten aus. Hm, aber ist ja klar, ich bin natürlich nicht die einzige, die Augen im Kopf hat. Ich überlege nun, was und wie ich ihn anschreiben soll und traue mich den Anfang zu machen. Hier auf diesen Seiten muss man natürlich immer mit dem Schmerz der Ablehnung rechnen. Die Konkurrenz ist wahnsinnig groß und ich bin eben nicht Misses Prinzessin, auf die die Welt nur gewartet hat, sondern halt nur eine von Vielen, die Einsam ist.

Klick, abgeschickt und im gleichen Moment: „Ach Mist, ich hätte was viel besseres schreiben müssen, was viel cooleres, ich hätte mich viel besser „verkaufen“ müssen… Mist Mist Mist!“ EIN Fehler hier und du hast sofort verloren. Denn wer interessiert sich im Kaufhaus schon für fehlerhafte Ware?

Jeder „Käufer“ hat sicher die gleichen Illusionen: Hier finde ich den perfekten Partner, mit der Suchmaschine: Klick und dann passt einfach alles! Man braucht nur zuzugreifen… Es gibt Ihn aber nicht, den perfekten Mann denn sonst wäre es kein Mann sondern ein göttliches Wesen. Jeder Mann und jede Frau werden früher oder später all ihre Gesichter zeigen die sie haben, auch wenn sie im ersten Moment des Kennenlernens nur die vermeintlich Guten zeigen.

Und so vertut man seine Zeit mit Warten auf Antworten, suchen nach neuen Gesichtern, sich scheiße fühlen, weil der Auserkorene nicht zurückschreibt, mit Selbstvorwürfen und der Abwertung der eigenen Person und einfach mit dem miesen Gefühl: Ich bin nicht gut so, wie ich bin… Fehlerhaft… ab zurück ins Regal

Ich will aber in keinem Regal mehr stehen und doch: Ich klicke mich immer wieder ein. Ein hohes Suchtpotenzial mit großer Wirtschaftlichkeit! Die Hoffnung stirbt zu Letzt und irgendeiner hat doch immer wieder eine dieser Geschichten auf Lager, (am wirkungsvollsten natürlich auf Hochzeiten): Die Beiden haben sich auch im Internet kennengelernt! bla bla bla! (Wahrscheinlich werden diese Geschichtenerzähler von den Singlebörsenmarktingfuzzies bezahlt!)

Noch bin ich nicht stark genug, aufzuhören und ich einfach abzumelden: Hey, jetzt hab ich so lang gewartet, was ist wenn sich Mister Traummann MORGEN anmeldet und mich dann nicht mehr finden kann… grrrrr

Und noch siegt der uralte Trick: “Den will ich nicht, den kann ich haben, den krieg ich nicht, den will ich unbedingt!!!“ Wohl ein Naturgesetz in meinem Hirn und hält mich bei der Stange. Ich möchte aber nicht mehr so sein, dass ich nett gemeinte, oft mit viel Mühe an mich geschriebene Texte einfach ignoriere… Ich zerstöre damit meine eigene Basis der Höflichkeit und der Nächstenliebe oder wie auch immer! Ich würde mich manchmal gerne bei den Menschen entschuldigen, denen ich respektlos gegenüber war, auf denen ich einfach drauf rumgetrampelt bin! Aus oberflächlicher Gier nach der großen Liebe, nach dem perfekten Mann, der angeblich im Regal eines virtuellen Liebes-Kaufhaus auf mich wartet.

Ich besinne mich und merke, auch wenn ich dazu neige mich an der Selbstbestätigung durch unzählige Klicks auf „MICH“ zu ergötzen, dass das doch irgendwie ungesund für mich ist, unnatürlich und völlig unromantisch und wohl in meinem Fall bis zu einem gewissen Grad auch selbst zerstörerisch.

Ich hoffe, bald höre ich mich selber sagen: “Auf Wiedersehen, ihr einsamen Herzen, mit Euch war ich genauso einsam…“

Dez, 2008, Lydida


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Ich, mein Rucksack und los…

11. Januar 2009 at 19:57 (1) (, , , , , , )

Auszug meines Reisetagesbuchs 26.11 - 14.12.08

Am 26.11 beginnt endlich meine langersehnte Reise nach Kambodscha. Nach einem turbulenten Start, wegen der Besetzung des Flughafens in Bangkok durch Regierungsgegner, komme ich nur über einige Umwege nach 14 Flugstunden in Siem Reap im Norden des Landes an. Nach fast zweistündigen Einreise – und Visumsformalitäten darf ich endlich aus dem Gebäude raus. Die Taxi- und Motorradfahrer schwärmen aus und belagern uns „Neuankömmlinge“, um uns in ihre Taxis zu lotsen. Ich aber verschwinde unbehelligt durch eine Nebentüre. An der Seite stehen ein paar Jungs mit ihren Tuk-Tuks und spielen Karten. Ich entscheide mich für Mister Tao, wie er sich nennt. Nach kurzer Preisverhandlung fährt er mit mir los. Es ist mittlerweile stockdunkel. Wir fahren über eine unbeleuchtete Landstrasse ins Ungewisse und so langsam fängt es in mir an zu kribbeln: „Mein Abenteuer sollte beginnen…“

Siem Reap, ein ehemalig verschlafenes Nest, hat sich zu einer wahren Touristenhochburg entwickelt, da es sich in unmittelbarer Nähe zu Angkor Wat, der berühmtesten Tempelanlage Süd-Ost-Asiens befindet. Ein lange gehegter Traum von mir geht endlich in Erfüllung.

Es ist 5 Uhr Morgens des nächsten Tages und ich stehe völlig schlaftrunken, nach einer viel zu kurzen Nacht vor meinem Guesthouse und warte auf Mister Tao. Pünktlich kommt er mit seinem lärmenden Tuk-Tuk und strahlt mich an. Hunderte von Tuk-Tuk-Fahrern und Motorradtaxies buhlen um die Gunst der Touristen, viele kommen von weit her, um in irgendeiner Form etwas vom großen Touristen-Kuchen abzubekommen.

Nun geht’s also los… Es gibt wohl nichts, was mich an diesem Morgen auf die majestätische Erhabenheit von Angkor Wat hätte vorbereiten können. Es verschlägt mir einfach die Sprache. Die Sonne geht just in dem Moment auf, als ich vor der atemberaubenden Anlage stehe. Von Augenblick zu Augenblick verändert sich die Stimmung und die Farbschattierungen des Tempels. Ein Meisterwerk, mit seinen fünf gigantischen Türmen, das um 1150 erbaut und dem Hindugott „Vishnu“ geweiht wurde.

Tao gesellt sich zu den anderen Fahrern und es wird fleißig Handfederball gespielt, während ich die Pracht der Tempelanlagen bewundere. Durch den Wald geht’s weiter, von Tempel zu Tempel. Fünf verschiedene Anlagen besuche ich heute, alle haben ihre eigene Ausstrahlung. Ich lausche zwischendurch bei geführten Touren und bekomme so auch einiges von der Entstehungsgeschichte mit.

Abends sitze ich völlig erschlagen in einem netten Restaurant, mit großer Auswahl an leckeren Khmer-Gerichten. Später treffe ich ein paar Leute aus meinem Hostel und wir erzählen von den aufregenden Tagen bei einem kühlen Angkor-Beer.

Nach weiteren ereignisreichen Tempeltagen bringt mich Tao schließlich zum Hafen von Tonle Sap, ein gigantischer Süßwassersee, der für die Menschen Wasserreservoir, Verkehrsader und für die vielen Hausbootdörfer Heimat bedeutet. Der See, der in den gleichnamigen Fluss mündet ist mein Ausgangspunkt für das nächste Etappenziel. Mister Tao und ich verabschieden uns und ich steige vom Tuk-Tuk auf das Schiff um. Hier geht’s turbulent zu. Touristen mischen sich mit Einheimischen. Festverschnürte, zappelnde Jutesäcke stehen überall herum. Manchmal sind Hühner drin, aber auch Schweine sind wohl darin verpackt. Das Schiff ist völlig überladen. Ich quetsche mich in eine Ecke und warte auf die Abfahrt…. Wer soll denn hier noch reinpassen? Warum geht’s nicht los? Mit 2stündiger Verspätung verlassen wir endlich den Hafen. Für kurze Momente bekomme ich Einblick in das Leben der Hausbootdörfchen. Es ist faszinierend und erschreckend zugleich. In einer wahnsinnigen Armut leben hier die Menschen in primitivsten Verhältnissen und doch dringen lachende Kinderstimmen aus einer Art schwimmenden offenen Klassenzimmer zu mir durch. Der Tag gestaltet sich sehr entspannt. Ich genieße die Szenerie die langsam an mir vorbei zieht. Fischer, die ihre Netze auswerfen, Kinder die im Wasser spielen und herumtollen, Frauen die am Flussufer Wäsche waschen und ganze Familien, mit eingeseiften schaumigen Köpfen, die zu uns rüber winken.

Abends komme ich in Phnom Penh an, der Hauptstadt des Landes. Wieder drängeln sich die Fahrer um uns. Bloß weg hier. Schrecklich diese Belagerungen. Mein Hostel liegt an einer belebten Strasse, in der sich die Backpacker-Szene breit gemacht hat. Internetcafés, Reisebüros und nette Restaurants säumen die Strasse. Auf der Dachterrasse meines Hostels liegen viele Gäste in Sitzkissen oder Hängematten. Ich geselle mich dazu und wir quatschen über unsere Reisen, wo wir her kommen, wo es noch hingeht und was der jeweilige in jedem Fall zu empfehlen weiß.

Den nächsten Tag nutze ich, um mir ein wenig die Stadt anzusehen. Der „Manager“ des Hostels ist auch gleichzeitig Tuk-Tuk-Fahrer. Er fährt mich herum und ich besichtige schließlich auch das Genozidmusem. Am Eingang steht ein Schild: „Don’t smile“. Die Ausstellung ist in den Räumlichkeiten des berüchtigten Gefängnisses S-21 der Roten Khmer untergebracht. Durch diese Tore gingen, Schätzungen zufolge 20.000 Menschen nach unmenschlichen Verhör- und Foltermaßnahmen in den Tod. Das Regime unter Pol Pot wählte seine Opfer fast schon willkürlich aus. Sogar Kinder und Babys wurden verhaftet, grundlos abgeschlachtet und auf den „Killing-Fields“ in Massengräbern verschachert.

Nach diesem bedrückenden Erlebnis lasse ich den Tag ausklingen und plane meine Weiterreise. Ich sehne mich nach Sonne, Stand und Meer. Meine Routenplanung führt mich deshalb in den Süden des Landes nach Sihanoukville. Hier genieße ich für die verbleibenden Tagen meiner Reise das Strandleben in vollen Zügen. Ich besichtige ein paar Inselchen, esse wunderbares BBQ und lasse mich mit Massagen am Strand verwöhnen und genieße die Sonnenuntergänge.

Alleine mit dem Rucksack durch das Land zu reisen war wieder eine große Herausforderung, die aber mächtig belohnt wurde, durch unvergesslichen Begegnungen mit wahnsinnig aufgeschlossenen Einheimischen und gleichgesinnten Rucksackreisenden, die genau wie ich nicht müde werden, Länder auf eigene Faust zu bereisen, um das Abenteuer zu suchen.

Lydida, Dez 2008

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Jakobsweg 2008

11. Januar 2009 at 19:39 (Reisebericht) (, , , , , , )

JAKOBSWEG 2008

Am 08.August heißt es das zweite Mal für mich “Ich bin dann mal weg…“ Mit akribisch gepacktem Rucksack und bereits im Vorjahr eingelaufenen Wanderschuhen mache ich mich von Bad Honnef aus auf. Es ist ein regnerischer Tag im August dieses Jahres.

Ich fliege nach Bilbao, der Hauptstadt des Baskenlandes im Norden Spaniens. Von hier geht’s per Bus und Bahn nach Saint Jean Pied de Port, einem kleinen Grenzstädtchen in Frankreich am Fuß der Pyrenäen.

Ich habe mir vorgenommen den Weg ganz vorne in Frankreich zu beginnen. Im letzten Jahr habe ich bereits die Mitte des Weges erkundet.

Schon früher trafen sich in Saint Jean Pied de Port Pilger aus ganz Europa, um gemeinsam die gefährlichen Pyrenäendurchquerung über den Ibaneta-Pass zu bewältigen.

Immer noch ist dieses kleine Städtchen der Ausgangspunkt für Pilger aus aller Welt, die die bekannteste Variante der vielen Jakobswege erlaufen wollen – den “Camino francés“.

Bis zum ersehnten Ziel sind es genau 784 km. Dann erst ist Santiago de Compostella erreicht.

Mein Rucksack wiegt inklusive meines Wasservorrats 8,5kg. Das Packen ist die erste Herausforderung und ich bin rund um zufrieden, diese so hervorragend gemeistert zu haben.

Es geht also los. Die härteste Etappe des ganzen Jakobswegs gleich zu Anfang: ich muss 1100 Höhenmeter überwinden.

Ich laufe durch eine faszinierende Gebirgslandschaft und bin schon nach einer Stunde völlig fertig. Ebenso glücklich bin ich hier zu sein. Es geht vorbei an Almwiesen, auf der Schweine, Pferde und Schafe grasen. Auf einmal sehe ich nichts mehr. Ich stehe mitten in einer Wolke. Die Sicht beschränkt sich teilweise auf nur 20 Meter. Es fängt an zu regnen und mir ist trotz der wahnsinnigen Anstrengung kalt.

Nach 6 Stunden und 45 Minuten habe ich es dann geschafft. Die Pyrenäen sind bezwungen. Ich komme in Roncesvalles in Spanien an.

Die Pilgerherberge dort ist eine der Größten der ganzen Strecke. Bis zu 120 Pilger können in einer historischen Halle mit über 60 Stockbetten Obhut finden.

Um Punkt 22 Uhr geht das Licht aus und die Halle verwandelt sich in einen vorerst dunklen Raum. Doch augenblicklich gehen überall Stirnlampen an, die zu einer Art Super-Light-Show werden. Es ist herrlich! Hier und da höre ich Mitschläfer in Rucksäcken wühlen, einige schnarchen bereits und auch für mich heißt es: Buenas noches!

Um Punkt 6 Uhr morgens geht das Licht wieder an und eine Art spanische Volksmusik hallt von den mittelalterlichen Wänden.

Die Nacht war anstrengend. Der Pilger im Stockbett unter mir hat sich in der Nacht wild hin und her geschmissen, so dass es mich oben mächtig durchgeschaukelt hat.

Na prima! Ich habe schlechte Laune und würde gerne weiterschlafen. Mir tut alles weh vom gestrigen Marsch. Aber das Jammern hilft nichts. Um 8 Uhr muss ich spätestens raus sein!

Nachdem ich meine Pilger-Genossen sehr unchristlich auf alle nur erdenklichen Weisen verwünscht habe, packe ich meinen Rucksack. „Einen Kaffee“, denke ich und werde schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeworfen: Kaffee gibt’s erst in 8 km – ich laufe los!

Nach 1,5 Stunden Marsch belohne ich mich mit einem leckeren Bocadillo und einer großen Tasse Kaffee. Das habe ich mir jetzt auch wirklich verdient.

Weiter geht´s – bergauf, bergab. Beim Laufen überkommt mich oftmals ein wahnsinniges Glücksgefühl. Ich bin sehr dankbar, dass ich hier sein darf!

Nach weiteren 20,5 km ist auch diese 2. Etappe geschafft. Zur Belohnung springe ich in ein kleines Flüsschen – erschöpft, mit unangenehmen Ischias-Schmerzen.

Die Herbergen in den nächsten Tagen gleichen sich alle sehr. Für 3 bis 6 Euro schläft man wie in „7 Zwerge“-Manier, teilweise in 20-Bett-Zimmern. Die ersten Pilger brechen wegen der Hitze meist gegen 5 Uhr auf. Die gelben Ohrenstöpsel werden meine besten Freunde. Aber ich wusste das ja alles vorher und bin glücklicherweise auch diese Art des Reisens gewohnt.

Ich genieße die ganze Multi-Kulti-Wandergemeinschaft, die viel Energie ausstrahlt. Nachmittags in den Herbergen pflegen alle ihre geschundenen Körper, stechen Blasen auf, reiben sich mit Salbe ein, Waschen ein paar Kleidungsstücke.

Wir kochen zusammen und sitzen bei einem Glas Wein gemütlich beieinander. Wir reden kreuz und quer in den unterschiedlichsten Sprachen. So fühle ich mich wohl.
Durch die gemeinsame Erfahrung auf dem Camino sind sich alle auf sonderbare Weise nah. Das übliche “Woher kommst du, was machst Du beruflich, wie alt bist du?“ ist herrlich nebensächlich, denn hier dreht sich alles um den Weg und die Beweggründe ihn zu laufen.

Langsam verändert sich auf meinem Weg die Vegetation. Leider auch mein körperlichen Beschwerden. Meine Füße fangen an meine Gedanken zu regieren. Aber eigentlich tut mir alles weh. Und trotzdem: die Landschaft, die langsam und friedlich an mir vorbeizieht, das unbeschreiblichen Körpergefühl, das Bewusstsein etwas geschafft zu haben und die gezählten Kilometer am Tagesetappenziel – sie sind der Lohn für die Strapazen des Weges.

8 Tage später, nach rund 160 gelaufenen und 28 gefahrenen Kilometern bin ich am Ende meiner diesjährigen Wanderschaft und schweren Herzens verabschiede ich mich vom Jakobsweg.

Und auch wenn ich mich nun von meinem Camino verabschiede, ist dies kein Abschied vom Wandern. Ich habe mich auch viel zu lange durch das Klischee vom rüstigen Rentner mit einer Feder am Hut beeinflussen lassen. Ich würde mich schon als modernen Menschen bezeichnen. Beim Wandern finde ich einen ganz speziellen Rückzugsraum, in dem ich den permanenten Reizüberflutungen und dem Leistungsdruck des Alltags entkommen kann. Dies zudem völlig gratis und vor meiner Haustür. Der Rheinsteig z.B. führt genau an meinem Haus hier in Bad Honnef vorbei, hinzu kommen die sieben Hausberge.

Nächstes Jahr werde ich wieder die Jakobsmuschel an meinen Rucksack binden und mich auf den Weg nach Spanien machen. Irgendwann wird mein Stempelbuch voll sein und ich werde sagen können: „Die 784 km sind gemeistert!“

Aug.08, Lydida

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