Jakobsweg 2008

11. Januar 2009 at 19:39 (Reisebericht) (, , , , , , )

JAKOBSWEG 2008

Am 08.August heißt es das zweite Mal für mich “Ich bin dann mal weg…“ Mit akribisch gepacktem Rucksack und bereits im Vorjahr eingelaufenen Wanderschuhen mache ich mich von Bad Honnef aus auf. Es ist ein regnerischer Tag im August dieses Jahres.

Ich fliege nach Bilbao, der Hauptstadt des Baskenlandes im Norden Spaniens. Von hier geht’s per Bus und Bahn nach Saint Jean Pied de Port, einem kleinen Grenzstädtchen in Frankreich am Fuß der Pyrenäen.

Ich habe mir vorgenommen den Weg ganz vorne in Frankreich zu beginnen. Im letzten Jahr habe ich bereits die Mitte des Weges erkundet.

Schon früher trafen sich in Saint Jean Pied de Port Pilger aus ganz Europa, um gemeinsam die gefährlichen Pyrenäendurchquerung über den Ibaneta-Pass zu bewältigen.

Immer noch ist dieses kleine Städtchen der Ausgangspunkt für Pilger aus aller Welt, die die bekannteste Variante der vielen Jakobswege erlaufen wollen – den “Camino francés“.

Bis zum ersehnten Ziel sind es genau 784 km. Dann erst ist Santiago de Compostella erreicht.

Mein Rucksack wiegt inklusive meines Wasservorrats 8,5kg. Das Packen ist die erste Herausforderung und ich bin rund um zufrieden, diese so hervorragend gemeistert zu haben.

Es geht also los. Die härteste Etappe des ganzen Jakobswegs gleich zu Anfang: ich muss 1100 Höhenmeter überwinden.

Ich laufe durch eine faszinierende Gebirgslandschaft und bin schon nach einer Stunde völlig fertig. Ebenso glücklich bin ich hier zu sein. Es geht vorbei an Almwiesen, auf der Schweine, Pferde und Schafe grasen. Auf einmal sehe ich nichts mehr. Ich stehe mitten in einer Wolke. Die Sicht beschränkt sich teilweise auf nur 20 Meter. Es fängt an zu regnen und mir ist trotz der wahnsinnigen Anstrengung kalt.

Nach 6 Stunden und 45 Minuten habe ich es dann geschafft. Die Pyrenäen sind bezwungen. Ich komme in Roncesvalles in Spanien an.

Die Pilgerherberge dort ist eine der Größten der ganzen Strecke. Bis zu 120 Pilger können in einer historischen Halle mit über 60 Stockbetten Obhut finden.

Um Punkt 22 Uhr geht das Licht aus und die Halle verwandelt sich in einen vorerst dunklen Raum. Doch augenblicklich gehen überall Stirnlampen an, die zu einer Art Super-Light-Show werden. Es ist herrlich! Hier und da höre ich Mitschläfer in Rucksäcken wühlen, einige schnarchen bereits und auch für mich heißt es: Buenas noches!

Um Punkt 6 Uhr morgens geht das Licht wieder an und eine Art spanische Volksmusik hallt von den mittelalterlichen Wänden.

Die Nacht war anstrengend. Der Pilger im Stockbett unter mir hat sich in der Nacht wild hin und her geschmissen, so dass es mich oben mächtig durchgeschaukelt hat.

Na prima! Ich habe schlechte Laune und würde gerne weiterschlafen. Mir tut alles weh vom gestrigen Marsch. Aber das Jammern hilft nichts. Um 8 Uhr muss ich spätestens raus sein!

Nachdem ich meine Pilger-Genossen sehr unchristlich auf alle nur erdenklichen Weisen verwünscht habe, packe ich meinen Rucksack. „Einen Kaffee“, denke ich und werde schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeworfen: Kaffee gibt’s erst in 8 km – ich laufe los!

Nach 1,5 Stunden Marsch belohne ich mich mit einem leckeren Bocadillo und einer großen Tasse Kaffee. Das habe ich mir jetzt auch wirklich verdient.

Weiter geht´s – bergauf, bergab. Beim Laufen überkommt mich oftmals ein wahnsinniges Glücksgefühl. Ich bin sehr dankbar, dass ich hier sein darf!

Nach weiteren 20,5 km ist auch diese 2. Etappe geschafft. Zur Belohnung springe ich in ein kleines Flüsschen – erschöpft, mit unangenehmen Ischias-Schmerzen.

Die Herbergen in den nächsten Tagen gleichen sich alle sehr. Für 3 bis 6 Euro schläft man wie in „7 Zwerge“-Manier, teilweise in 20-Bett-Zimmern. Die ersten Pilger brechen wegen der Hitze meist gegen 5 Uhr auf. Die gelben Ohrenstöpsel werden meine besten Freunde. Aber ich wusste das ja alles vorher und bin glücklicherweise auch diese Art des Reisens gewohnt.

Ich genieße die ganze Multi-Kulti-Wandergemeinschaft, die viel Energie ausstrahlt. Nachmittags in den Herbergen pflegen alle ihre geschundenen Körper, stechen Blasen auf, reiben sich mit Salbe ein, Waschen ein paar Kleidungsstücke.

Wir kochen zusammen und sitzen bei einem Glas Wein gemütlich beieinander. Wir reden kreuz und quer in den unterschiedlichsten Sprachen. So fühle ich mich wohl.
Durch die gemeinsame Erfahrung auf dem Camino sind sich alle auf sonderbare Weise nah. Das übliche “Woher kommst du, was machst Du beruflich, wie alt bist du?“ ist herrlich nebensächlich, denn hier dreht sich alles um den Weg und die Beweggründe ihn zu laufen.

Langsam verändert sich auf meinem Weg die Vegetation. Leider auch mein körperlichen Beschwerden. Meine Füße fangen an meine Gedanken zu regieren. Aber eigentlich tut mir alles weh. Und trotzdem: die Landschaft, die langsam und friedlich an mir vorbeizieht, das unbeschreiblichen Körpergefühl, das Bewusstsein etwas geschafft zu haben und die gezählten Kilometer am Tagesetappenziel – sie sind der Lohn für die Strapazen des Weges.

8 Tage später, nach rund 160 gelaufenen und 28 gefahrenen Kilometern bin ich am Ende meiner diesjährigen Wanderschaft und schweren Herzens verabschiede ich mich vom Jakobsweg.

Und auch wenn ich mich nun von meinem Camino verabschiede, ist dies kein Abschied vom Wandern. Ich habe mich auch viel zu lange durch das Klischee vom rüstigen Rentner mit einer Feder am Hut beeinflussen lassen. Ich würde mich schon als modernen Menschen bezeichnen. Beim Wandern finde ich einen ganz speziellen Rückzugsraum, in dem ich den permanenten Reizüberflutungen und dem Leistungsdruck des Alltags entkommen kann. Dies zudem völlig gratis und vor meiner Haustür. Der Rheinsteig z.B. führt genau an meinem Haus hier in Bad Honnef vorbei, hinzu kommen die sieben Hausberge.

Nächstes Jahr werde ich wieder die Jakobsmuschel an meinen Rucksack binden und mich auf den Weg nach Spanien machen. Irgendwann wird mein Stempelbuch voll sein und ich werde sagen können: „Die 784 km sind gemeistert!“

Aug.08, Lydida

2 Kommentare

  1. Marco sagte,

    Hola Lydida

    Voller Sehsucht aber auch mit schwermütigem Herzen lese ich dein Pilgertagebuch und schau mir die wenigen aber schönen Fotos von deiner Pilgerwanderung an. Und komme nicht umhin dich um deine dies jährige Tour und die damit verbundenen Erfahrungen zu „beneiden“.
    Alles gute, Bon Camino

    Marco

  2. Gabi sagte,

    Liebe Lydia,
    unglaublich, dass Du dieselben Lieblingsziele hast! Südindien vor drei Jahren war ein Traum, und den Jakobsweg habe ich mit Günther zwei Monate vor seinem Tod (mit Womo) teilweise abgefahren und “abgepilgert” (die letzten 100 Kilometer). Seither träume ich davon, wieder auf dem Jakobsweg zu pilgern. Meinen Bericht kannst Du auf unserer Homepage übrigens auch lesen.
    Deine Emailberichte von der ersten Weltreise habe ich vor kurzem noch einmal gelesen. Es macht Spaß, Du schreibst so lebendig, dass man am liebsten dabei gewesen wäre.
    Bon camino
    Deine Gabi

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